Von der ängstlichen Pauschaltouristin zur Alleinreisenden und Abenteuerin – wie ich meine Komfortzone verlassen habe

Alleinreisende Abenteuerin

Ich liebe Reisen und Kurztrips. Sobald ich ohne meinen 11-jährigen Sohn verreise, gestalte ich meine Urlaube und Outdoor-Touren ziemlich abenteuerlich. Sehr wichtig sind für mich Individualität, Spontaneität und Flexibilität. Nach dem Motto „lieber oft und abenteuerlich, als selten und luxuriös“, greife ich sehr gerne auf günstige Unterkunftsmöglichkeiten wie Restplätze in Hotels auf booking.com, Hostels, Zeltplätze und Hütten in den Bergen zu.

Diese Reiseform war für mich vor 4 Jahren noch unvorstellbar. Als junge Frau hatte ich kein Problem mit den Übernachtungen in preiswerten Unterkünften oder im Zelt. Nach dem Studium habe ich jedoch immer mehr Wert auf Komfort gelegt. Das Zuhause musste möglichst modern und luxuriös eingerichtet sein. Meine vielen Urlaube ans Mittelmeer und zu den Kanarischen Inseln zwischen 2006 und 2012 waren bequeme Pauschalreisen. Ich bin mit einem riesigen Koffer gereist und ins Hotel mit dem Bus, Taxi oder Mietwagen angekommen. Sehr wichtig war mir die Kategorie des Hotels, weil ich möglichst viel Komfort gebraucht habe. Daher habe ich meistens in guten 4-Sterne- oder manchmal sogar in 5-Sterne Hotels gewohnt.

Am Reiseziel habe ich viel Zeit am Strand und beim Spazierengehen an den Promenaden verbracht. Gerne habe ich die Ausflüge in Anspruch genommen, die vom Reiseleiter im Hotel angeboten wurden. Noch bequemer ging es zu den bekannten Sehenswürdigkeiten mit dem Mietwagen. Allerdings habe ich mich nicht getraut, an einem unbekannten Reiseziel selbst Auto zu fahren. Meine Reisebegleiter sind den Mietwagen gefahren.

Auch heute habe ich nichts gegen klassische Pauschalreisen, wenn das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Besonders, wenn ich mit meinem Sohn verreise, ist diese Reiseform sehr bequem und günstig. Seit meinem ersten Aktivurlaub auf Fuerteventura vor 3 Jahren, versuche ich jedoch die Pauschalreisen sportlich-aktiv zu gestalten. Dies ist auf den Kanarischen Inseln oder in den Mittelmeerdestinationen ziemlich einfach. Die Ausgangsziele für viele Wanderungen sind mit dem Mietwagen schnell zu erreichen. Wer gerne Rad fährt, kann in größeren Ferienorten ein Mountainbike oder Rennrad leihen. Die Läufer können die Umgebung und die Strände zu Fuß entdecken. Für Liebhaber des Wassersports bieten die Inseln ebenfalls perfekte Möglichkeiten, den Urlaub spannend und abenteuerlich zu gestalten.
Die Kanarischen Inseln und die europäischen Mitteldestinationen gehören zu sicheren Reisezielen, an denen es unproblematisch ist, sich alleine (auch als Frau) zu bewegen. Noch als unsportliche Pauschaltouristin habe ich mich schon getraut, leichte Wanderungen und Radtouren auf Mallorca, Teneriffa und Sardinien zu unternehmen. Nie ist mir etwas passiert. Das einzige Problem stellen für mich bis heute Begegnungen mit Hunden dar, weil ich Angst vor denen habe.

Vor vier Jahren habe ich begonnen, mich für Aktivurlaube und abenteuerliche Outdoor-Aktivitäten zu begeistern. Mit meinem neuen Lebenspartner ging es in den Bergen immer höher hinauf. Das größte Abenteuer war die Besteigung des Viertausenders Weissmies in den Walliser Alpen im letzten Sommer.

Es folgten auch erste mehrtägige Radtouren. Gleichzeitig habe ich im Winter mit dem Langlaufen angefangen und konnte auf Ski die Berge vom Tal aus bewundern. Meine erste Winterwanderung ging vor zwei Jahren auf den Heimgarten in den Bayerischen Voralpen. Trotz der Kälte und meines Problems der „weißen Finger“ (Raynaud Syndrom) faszinieren mich die weißen Berglandschaften auf winterlichen Bergtouren. Nach dem Prinzip „Wer sich bewegt, der friert nicht“, gewöhne ich mich langsam an die Kälte. Anfang 2016 habe ich mir die Tubbs-Schneeschuhe zugelegt und mit meinem Freund erste Zweitausender wie Fischbühl in Südtirol, Krinnenspitze und Galtjoch im Lechtal sowie Fleischbank im Karwendel bestiegen.

Im letzten Jahr habe ich zwei tolle Aktivurlaube unternommen. Im März ging es zum Wandern auf die wunderschöne Atlantik-Insel Madeira. Im September haben wir kleine Abenteuer abseits der touristischen Pfade auf der italienischen Insel Elba mit dem Rennrad, beim Wandern und Trailrunning erlebt. Im Juni habe ich gewagt, meine erste aktive Soloreise zu machen. Diesmal war es keine Pauschalreise, sondern eine selbst zusammenstellte Bausteinreise. Mit dem Flugzeug bin ich von München nach Athen gereist. Diesmal war ich zum ersten Mal ohne meinen schweren, roten Samsonite Koffer unterwegs. Meine Solo-Reise war ziemlich minimalistisch. Ich hatte nur den neuen Rucksack Osprey Kyte 46 dabei. Dafür konnte ich mich flexibel in der griechischen Inselwelt mit den Fähren und Bussen bewegen. Dort habe ich die Inseln Naxos und Santorin sowie die Hauptstadt Griechenlands Athen erkundet. Auf den wunderschönen Mittelmeerinseln habe ich ein paar tolle Mountainbike-Touren, Wanderungen und Läufe gemacht. Es war weder gefährlich, noch langweilig, alleine am Reiseziel zu sein. Ich habe mich viel mit netten Leuten unterhalten und die Einsamkeit inmitten der herrlichen mediterranen Natur genossen.

Die erste Erfahrung als allein-reisende Backpackerin hat mich sehr fasziniert. Allerdings bin ich danach weiterhin mit meinem Freund oder Sohn verreist.

Für die kinderfreien zwei Wochen Anfang September 2017 hatte ich einen Aktivurlaub mit meinem Freund geplant. Diesmal begeisterte ich mich für eine Fernwanderung, wie zum Beispiel die Alpenüberquerung vom Tegernsee zum Gardasee. Als ich aber einen super günstigen Flug nach Korsika mit Eurowings fand und den berühmten Fernwanderweg GR20 entdeckte, wollte ich unbedingt auf der wunderschönen Insel wandern. Leider konnte mein Freund doch keinen Urlaub nehmen. Meine Reise- und Abenteuerlust war jedoch so groß, dass ich schnell die Entscheidung traf, alleine nach Korsika zu fliegen. Da ich den günstigen Flug mit Eurowings nicht in Anspruch nehmen konnte, buchte ich einen teuren Flug von München nach Bastia mit Lufthansa und begann mit der Reisevorbereitung. Diese ging ziemlich schnell und war eher unzureichend.

Mit dem Kompass-Wanderführer Korsika-GR20 sowie im Internet sammelte ich die wichtigsten Informationen. Schnell verstand ich, dass ich nicht viel planen kann. Auf dem berühmten Fernwanderweg GR20 wandert man nämlich 180 km mit ca. 15.000 Höhenmetern vom Norden bis in den Süden Korsikas. Es geht bis auf 2600 Meter hinauf. Oft handelt es sich um sehr schwierige Wanderungen mit Klettern (Stufe I). Dies verstand ich jedoch nicht genau. Mittlerweile habe ich doch viel Erfahrung aus den Ostalpen. Ab und zu gehe auch alleine auf Zweitausender. Dass es auf Korsika ganz anders zugeht als auf dem Meraner Höhenweg (100 km mit 7.000 Höhenmetern), den wir mit meinem Freund im letzten Sommer in nur drei Tagen begangen sind, war mir unbekannt. Daher dachte ich, dass ich die 180-km Wanderung auf dem GR20 mit einem schweren Rucksack locker in 10 Tagen mache und mich am Ende des Urlaubs noch ein paar Tage am Strand erholen kann. Aber ich hatte keine Ahnung, wie schnell ich die einzelnen Etappen bewältigen werde. Deshalb konnte ich die Hütten auf dem GR20 nicht reservieren. Stattdessen nahm ich das neue, super leichte Zelt Vaude Power Lizard und eine ThermaRest-Isomatte mit. Auf dem GR20 übernachtet man nämlich im Matratzenlager in den Hütten, in Leihzelten oder im eigenen Zelt auf Biwakplätzen. Um die Verpflegung machte ich mir keine großen Sorgen, weil der Wanderführer von Kompass ziemlich detailliert die guten Verpflegungsmöglichkeiten auf dem Wanderweg beschreibt. Ein Tag vor dem Abflug buchte ich eine Übernachtung im Hotel in Calvi im Norden Korsikas. Von dort aus erreicht man schnell mit dem Bus oder Taxi Calanzana, den Ausgangspunkt für die Wanderung auf dem GR20. Nach Calvi fahren wiederum Züge und Busse von Bastia. Den Fahrplan für den Zug fand ich im Internet.

Vor 3 Wochen, am 27. August, begann mein großes Abenteuer Korsika. Und ich muss zugeben, vor der Abreise hatte ich wahnsinnigen Bammel. Ich wollte beinahe den Flug stornieren. Ich wusste jedoch, dass ich es bedauern werde, wenn ich es nicht einmal versucht habe. Ich hatte immer noch die Möglichkeit, statt auf dem GR20 zu wandern, zwei Wochen an Korsikas wunderschönen Stränden zu verbringen. Die Hotels waren in den Sommerferien zwar kaum zu bezahlen (Korsika ist ein teures Reiseziel), aber ich hatte doch das Zelt dabei.

Mittlerweile habe ich mein größtes Abenteuer hinter mir und bin wieder zu Hause. In 8 Tagen bewältigte ich nur die Hälfte des GR20, aber es handelt sich dabei um die anstrengendsten Etappen des schwierigsten Fernwanderwegs Europas. Richtig alleine war ich dort nicht. Ich lernte viele andere Wanderer auf Korsika kennen. Zusammen bewältigten wir die schwierigste Etappe zwischen dem Haut Asco und Refuge Tighiettu, bei der es bis auf 2600 Meter hinaufgeht, und machten einen zweistündigen Abstecher auf den höchsten Gipfel Korsikas, den Monte Cinto (2706 m). Auf den schwierigsten Etappen alleine zu wandern, ist nicht empfehlenswert. Meine Erlebnisse und Bilder sind ein Thema für einen neuen Blogartikel oder sogar ein Buch.

Ich hoffe, in der Zukunft noch viele abenteuerliche Reisen und Touren unternehmen zu könen. Momentan fühle ich mich zu fernen Reisezielen hingezogen. Die indonesische Insel Bali, die sehr beliebt bei Alleinreisenden ist, spricht mich sehr an. Da ich aber die Regenzeit im Winter meiden möchte, würde ich eher im Frühling dorthin fliegen. Grundsätzlich bin ich flexibel, aber kann keine langen Reisen machen, weil ich einen schulpflichtigen Sohn habe, der höchstens zwei Wochen bei seinem Papa verbringt.

Ich bin 45 und habe viele Erfahrungen gemacht. Die wichtigste Erkenntnis ist für mich, dass das Glück außerhalb meiner Komfortzone liegt. Ich brauche nämlich sehr viel Abwechslung und Abenteuer. Die finde ich nicht im gemütlichen Zuhause, im warmen Wohnzimmer und auf der bequemen Couch. Die Abwechslung und Abenteuer gibt es inmitten der wunderschönen Natur, abseits der touristischen Pfade und ohne großen Gruppen. Dazu brauche ich jedoch Mut, zu dem ich in kleinen Schritten gelange, wenn ich meine Komfortzone immer wieder verlasse.

„Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben“ (Kurt Tucholsky)

„Fürchte dich nicht vor Veränderung, eher vor dem Stillstand“ (Laotse)

 

 

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