Winterwandern im Vinschgau – Wer sich bewegt, der friert nicht

Winterwandern Vinschgau

Erst vor einem Jahr habe ich mit dem Winterwandern angefangen. Früher war es für mich unvorstellbar. Ich habe den Winter gehasst und mich in der kalten Jahreszeit am liebsten im warmen Zuhause aufgehalten. Seit paar Jahren treibe ich Sport auch im Winter (Laufen und Langlaufen) und habe gelernt, dass ich nicht friere, wenn ich mich intensiver bewege. Deshalb habe ich auch im letzten Winter gewagt, die erste Winterwanderung auf den Heimgarten mit meinem Freund zu unternehmen. Es war eine wunderschöne Wanderung, der weitere Winterwanderungen gefolgt sind.

Zwischen Weihnachten und Silvester verbringt mein Sohn eine Woche bei seinem Papa. Die „kinderlose“ Zeit sowie das schöne Wetter in Südtirol müssen wir auch in diesem Jahr ausnutzen. Kurz vor der Abreise buche das 3-Sterne-Hotel Goldrainerhof im Vinschgau für 4 Tage, das zum bezahlbaren Preis (200 € pro Person) noch verfügbar ist. In diesem Hotel haben wir schon vor 2 Jahren übernachtet und ich kann es sehr gut weiter empfehlen. Das gepflegte Haus verfügt über einen Indoorpool, der zum Schwimmen mit Bergblick einlädt. Das Frühstücksbuffet ist auswahlreich und lecker. Den Abend haben wir gerne im Hotelrestaurant bei Pizza (sehr gut) und Wein ausklingen lassen.

Der Vinschgau, die wunderschöne Region im Südtirol ist relativ schnell ab München mit dem Auto zu erreichen. Diesmal fahren wir über den Fernpass. Nach 3 Stunden Autofahrt erreichen wir den Reschensee, wo Vinschgau beginnt. Wir fahren zum Skigebiet Rojen, das sich auf 2000 m befindet, um dort eine kleine Wanderung zu unternehmen. Wir sind etwas enttäuscht, weil es dort kaum Schnee gibt. Die Skifahrer haben ihren Spaß auf dem Kunstschnee.

Ziemlich schnell verstehen wir, dass das Langlaufen auf den Höhenloipen in Sulden und Langtaufers (ca. 1800 m) nicht möglich sein wird. Trotzdem ist es schön, im Rojental zwischen den vielen Almhäusern und auf trockenen Wiesen 2 Stunden lang zu wandern. Wir genießen das sonnige Wetter sowie die herrlichen Blicke auf schneebedeckte Gipfel.

Danach fahren wir weiter zu unserem Hotel, das sich im zentralen Vinschgau im kleinen Ort Goldrain befindet. Da die kleine Wanderung uns ziemlich unterfordert hatte, laufen wir noch 10 km zum nächsten Ort Göflan. Der gemütliche Lauf nach dem Einbruch der Dunkelheit ist ein wahres Erlebnis. Wir laufen auf dem Radweg zwischen den Apfelplantagen und an der Etsch entlang. Der klare Sternehimmel beleuchtet unseren Weg. Wir können sogar die weißen, hohen Gipfel sehen, von denen das Etschtal umgeben ist. Es ist sehr frisch, ca. null Grad. Kurz vor Göfland geschieht aber ein Wunder. Es wird sehr warm, gefühlte 15 Grad. Mein Freund, der sehr oft im Vinschgau war, sagt, dass er dort schon mehrmals solche Wetterlagen mit warmen Luftfronten erlebt hat. Wir laufen zur beleuchteten Kirche, die sich auf einem Hügel befindet und drehen um. Im Hotelrestaurant genießen wir das lecker Abendessen und planen die nächste Bergtour.

Am nächsten Tag wache ich um 6.30 auf und genieße das Schwimmen vor dem Frühstück. Für den Körper und Geist tut es wirklich sehr gut, ein paar Bahnen gleich nach dem Aufstehen zu schwimmen. Zu Hause habe ich keine Möglichkeit dazu, daher freue ich mich immer auf Hotels mit Pool und buche sie gerne, wenn sie bezahlbar sind.

Nach dem ausgiebigen und leckeren Frühstück fahren wir zum Zufrittsee. Der große Speichersee befindet sich auf 1800 m am Ende des langen Martelltals. Im Winter sieht der See allerdings nicht besonders beeindruckend aus, weil er im Schatten der umliegenden, hohen Bergen liegt. Wir fahren weiter zur Enzianhütte (2051 m), parken dort das Auto und starten unsere Bergtour. Unsere Ziele sind das Madritschtal und die Hintere Schöntaufspitze (3325 m), die wir jedoch nicht erreichen werden.

Es ist windig und kalt, besonders im Schatten. Ich gehe schnell, um nicht zu frieren. Die raue Landschaft ist faszinierend. Wir überqueren zugefrorene Bäche, wo wir besonders aufpassen müssen, um auf dem glatten Eis nicht auszurutschen und gehen an zugefrorenen Wasserfällen vorbei.

Danach verlassen wir den schattigen Wanderweg und können endlich die strahlende Sonne und den herrlich blauen Himmel genießen. Vor der Zufallhütte (2265 m) legen wir die erste Pause ein. Dort treffen wir ein paar andere Wanderer, die eine Rast an diesem herrlichen Ort machen. Im Sommer ist die Hütte ein beliebtes Wanderziel für Familien mit Kindern, die dort einen kleinen Spielplatz zur Verfügung haben. Das Schaukeln auf 2200 m macht Riesenspaß, auch im Winter.

Weiter verläuft der Wanderweg im Madritschtal und bietet tolle Blicke auf den Zufrittsee. Auf dieser Höhe liegt ziemlich viel Schnee. Wir ändern unsere Pläne, weil es zu spät ist, um den Dreitausender im Winter zu besteigen. Der weitere Weg zum Madritschjoch verläuft im Schatten, was bei Kälte und Wind nicht angenehm wäre.

Wir verlassen den Wanderweg und gehen im schneefreien Gelände auf der sonnigen Südseite des breiten Grads der Vertainen. Es gelingt uns, einen Gipfel ohne Namen (ca. 2900 m) zu erreichen, der grandiose Blicke bietet. Mein Freund zeigt mir den zweitgrößten Gipfel der Ortlergruppe, die Königsspitze (3851 m), die er besteigen möchte. Der Gipfel hat eine wunderschöne, auffallende Form und ist leicht zu erkennen. Auf dem Gipfel ist es, trotz der strahlenden Sonne, sehr windig und kalt. Daher ist unser Gipfelglück ziemlich kurz und wir müssen bald mit dem Abstieg beginnen.

Für den Abstieg brauchen wir nur 1 Stunde. Die Zufallshütte liegt mittlerweile im Schatten. Wir machen eine kurze Brotzeit. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Plötzlich entdecken wir jedoch zwei Gestalten, die sich auf einem zugefrorenen Wasserfall bewegen. Das sind Eiskletterer. Von der weiten Entfernung sieht der Wasserfall sehr steil aus, fast senkrecht. Ich bin sprachlos. Im Vergleich zu den zwei mutigen Eiskletterern, die auf dem zugefrorenen Wasserfall hinaufklettern, scheint mir jetzt unsere Wintertour nichts Besonderes zu sein.

Am nächsten Tag scheint wieder die Sonne. Allerdings weht heftig der Wind. Auf eine Bergtour im Hochgebirge haben wir keine Lust, weil auf 3000 m bei starkem Wind sicherlich unerträglich Bedingungen herrschen. In unserem Ferienort Goldrain starten wir eine leichte Wanderung zum Bergdorf St. Martin im Kofel, der sich auf 1740 m befindet. 1000 Meter Höhenmeter können wir bei jedem Wetter bewältigen. Das erste Ziel ist die hübsche Burg Annenberg.

Der weitere Weg wird wegen des starken Windes ziemlich unangenehm. Wir gehen am Hof Oberkas vorbei und erreichen bald auch den hochgelegenen Bergdorf. St. Martin im Kofel befindet sich auf 1740 m und hat ca. 100 Einwohner. Vor der Wallfahrtskapelle treffen wir den ersten Einwohner, einen großen Hund, der unbedingt auf die Fotos mit mir will.

Danach wandern wir noch weiter zum Dolomitenblick. Das ist ein wunderschöner Aussichtspunkt auf 2000 m inmitten einer Wiese mit Tischen und Bänken, von dem man bei guter Sicht die Dolomiten sehen kann. Im Sommer ist das mit Sicherheit ein beliebtes Ausflugsziel, das schnell von der Bergbahnstation in St. Martin erreichbar ist. An diesem windigen Wintertag sind wir ganz alleine hier. Wir haben Glück und genießen einen gigantischen Blick bis zu den Dolomiten, dem schneebedeckten Ortler sowie hinunter auf das Etschtal. Da es eine windstille Stelle ist, machen wir eine längere Rast. Danach drehen wir um. Unterhalb von St. Marin verabschiede ich mich von meinem Freund und laufe alleine den Berg hinunter. Mit einem leichten Rucksack und in leichten Trailrunning Schuhen macht es Riesenspaß. Eine Stunde später kann ich im Hotel das warme Wasser des Pools genieße und mich auf der Liege ausruhen.

Der letzte Tag im Vinschgau überrascht uns mit traumhaftem Wetter. Endlich ist es windstill. Wir fahren ins Matscher Tal, das sich im Westen Vintschgaus befindet. Das lange Tal ist von der Hauptstraße zwischen Schlunders und Mals erreichbar. Am Parkplatz im Glieshof (1850 m) parken wir das Auto und starten unsere Bergtour. Diesmal sind wir nicht alleine unterwegs. Den wunderschönen Tag nutzen auch andere Wanderer aus, um eine kleine Winterwanderung zur Matscher Alm (2050 m) zu unternehmen. Richtig warm ist es nicht (ca. Null Grad), aber die Sonne scheint herrlich. Und mittlerweile habe ich gelernt: Wer sich bewegt, der friert nicht. Vor der Alm befindet sich eine besondere Attraktion – ein Eiskletterturm, der für Einsteiger im Eisklettern zur Verfügung gestellt wurde. Die Alm hat geöffnet und viele Wanderer sitzen draußen.

Da uns die kurze Wanderung nicht zufrieden stellt, wandern wir weiter. Ich hoffe noch, dass wir den Dreitausender, die Portlesspitze (3074 m) erreichen, aber mein Freund sagt, dass es wieder zu spät ist. Wir verlassen den Wald und genießen jetzt gigantische Blicke. 1,5 Stunden gehen wir hinauf, teilweise auf einer harten Schneeschicht.

Gegen 14 Uhr befinden wir uns auf ca. 2800 m. Es ist schattig und kalt. Wir müssen hier unsere Bergtour leider beenden. Wir befinden uns im Hochgebirge und bis zum Gipfel sind es noch 300 Höhenmeter. Der Schnee ist tief und wir haben keine Schneeschuhe dabei. Selbst im Sommer bräuchten wir mindestens eine Stunde für den Aufstieg. Wir gehen schnell hinunter und genießen die letzten Sonnenstrahlen.

Bald erreichen wir die Matscher Alm. Ein Eiskletterer erklimmet gerade den Turm. Für Kaffee und Kuchen in der Alm haben wir keine Zeit. Wir wollen nach der Wanderung noch das Hallenbad in Mals besuchen. Dort schwimmen wir eine Stunde im warmen Wasser, das uns wie eine Badewanne vorkommt. Zum Abendessen gibt es eine riesige Pizza im Hallenbad-Restaurant.

Am nächsten Tag, nach dem Frühstück, verlassen wir das Hotel. Auf dem Heimweg sehen wir uns noch den Haider- und den Rechensee an. Beide Seen sind zugefroren. Spaziergänger und Tagesausflügler trauen sich, die Eisfläche zu betreten. Beeindruckend sieht der alte Kirchenturm im zugefrorenen Rechense mit wunderschönen weißen Gipfeln im Hintergrund aus. Wir gehen noch auf einen Hügel hinauf, wo sich eine malerische Kapelle befindet.

Danach müssen wir den wunderschönen Vinschgau verlassen. Es ist aber kein Grund, um traurig zu sein, weil die Region nur 3 Autostunden von München entfernt ist. Vielleicht kommen wir wieder im Frühling, um das herrliche Naturschauspiel – die Apfelblüte – zu bewundern.

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